
Neckargemünder Delegation feiert europäisches Partnerschaftsfest in Jindřichův Hradec
30 Jahre Freundschaft über Grenzen hinweg
30 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Neckargemünd und Jindřichův Hradec – dieses Jubiläum feierten beide Städte am vergangenen Wochenende gemeinsam in Südböhmen. Eine zwölfköpfige Delegation aus Neckargemünd um Bürgermeister Jan Peter Seidel und den Ersten Stellvertretenden Bürgermeister Maximilian Bernauer war dazu in die tschechische Partnerstadt gereist. Mit dabei waren auch zahlreiche langjährige Wegbegleiter der Partnerschaft, darunter der ehemalige Bürgermeister und Ehrenbürger Neckargemünds Oskar Schuster sowie weitere Mitbegründer und Unterstützer der ersten Stunde.
Das Besondere an diesem Wochenende: Jindřichův Hradec hatte alle seine Partnerstädte aus vier europäischen Ländern eingeladen. Neben Neckargemünd waren Delegationen aus Zwettl in Österreich, Dunajská Streda in der Slowakei und Sárospatak in Ungarn angereist. Und alle hatten Grund zum Feiern: Seit 30 Jahren verbindet Jindřichův Hradec die Städtepartnerschaft mit Neckargemünd, seit 20 Jahren mit Zwettl und seit jeweils zehn Jahren mit Dunajská Streda und Sárospatak.
So wurde aus dem Jubiläum ein kleines europäisches Fest mit Gästen aus Deutschland, Tschechien, Österreich, der Slowakei und Ungarn. Das Motto „Freundschaft kennt keine Grenzen“ war dabei mehr als die Überschrift auf dem Veranstaltungsplakat. Die Begegnung der fünf Städte zeigte, wie der europäische Gedanke auf kommunaler Ebene gelebt werden kann, nämlich durch persönliche Kontakte, gegenseitige Besuche und Freundschaften, die über Jahre und Jahrzehnte wachsen.
Ein reiches Kulturprogramm gab viel Gelegenheit zur Begegnung zwischen den Vertreterinnen und Vertretern der fünf Städte. Bereits am Freitagabend begann das Wochenende mit einem gemeinsamen Abendessen in ungezwungener Atmosphäre. Am Samstagmorgen wartete dann ein besonderer Programmpunkt auf die Delegationen: Mit einem historischen Dampfzug der Schmalspurbahn ging es durch die Wälder und Teichlandschaften des „Böhmischen Kanada“ bis nach Kunžak-Lomy. Für die Gäste der Partnerschaftsfeierlichkeiten wurde die Fahrt damit auch zu einer Begegnung mit einem Stück wiederbelebter regionaler Eisenbahngeschichte. Nachdem der reguläre Verkehr auf der traditionsreichen Schmalspurbahn im Herbst 2022 zum Erliegen gekommen war, fahren dort erst seit April dieses Jahres wieder Züge mit historischer Dampflok im touristischen Saisonbetrieb bis Mitte September. Nach dem darauffolgenden gemeinsamen Mittagessen entstand an der Dreifaltigkeitssäule beim geführten Rundgang durch die historische Altstadt das große Gruppenfoto aller Delegationen, das alle noch lange an die gemeinsamen Erlebnisse erinnern wird.
Höhepunkt des Tages war am Nachmittag der Festakt in der Maria-Magdalena-Kapelle. Bürgermeister Jan Peter Seidel erinnerte in seiner Ansprache daran, dass die Freundschaft zwischen Neckargemünd und Jindřichův Hradec noch wesentlich länger währt, als die offizielle Städtepartnerschaft. Erste kulturelle Kontakte reichen bis 1989 zurück. Bereits 1990 begannen gegenseitige Besuche und der bis heute fortgeführte Schüleraustausch der Gymnasien. Im Mai 1996 besiegelten die damaligen Bürgermeister Petr Hudler und Oskar Schuster schließlich offiziell die Städtepartnerschaft. Ein Ereignis aus den Anfangsjahren steht bis heute symbolisch für die Freundschaft: Im März 1990 pflanzten Schülerinnen und Schüler aus Jindřichův Hradec, Neckargemünd und Krems gemeinsam Bäume im ehemaligen Todesstreifen des Eisernen Vorhangs. Bürgermeister Seidel erinnerte in seiner Rede an die besondere Symbolkraft dieses Moments. Aus einer Grenze, die gebaut worden sei, um das europäische Herz zu spalten, so Seidel, sei ein Ort der Erneuerung und des Zusammenwachsens entstanden.
Was damals mit ersten vorsichtigen Begegnungen begann, ist längst zu einem Netzwerk aus Schulen, kulturellen Austauschen und offiziellen Begegnungen geworden, in dem auch langjährige persönliche Freundschaften entstehen konnten. Gerade der seit 1990 ununterbrochen bestehende Schüleraustausch zwischen den Gymnasien steht für die Kontinuität dieser Verbindung. Seidel brachte den Kern der Beziehungen in der einfachen Aussage auf den Punkt, Partnerschaft und Freundschaft würden von Menschen und deren Begegnung getragen, wofür es an diesem Wochenende erneut viel Gelegenheit gab.
Nach dem Festakt wurde im Museum für Fotografie und moderne Bildmedien eine Jubiläumsausstellung eröffnet. Bilder und Dokumente erinnerten dort an drei Jahrzehnte gemeinsamer Begegnungen, Schüleraustausche, Kulturprojekte und Bürgerreisen. Regionale Spezialitäten aus den verschiedenen Partnerstädten sorgten dafür, dass das europäische Miteinander an diesem Nachmittag von allen Gästen und der geladenen Öffentlichkeit nicht nur betrachtet, sondern auch kulinarisch genossen und erlebt werden konnte.
Ein besonderer Dank gilt Herrn Dieter Krauss, der persönlich erlesene Spezialitäten aus der Region nach Tschechien fuhr und dort kredenzte.
Den Abschluss fand der Tag in der Schlossbrauerei von Jindřichův Hradec – dem Zámecký pivovar. Das historische Areal aus dem 16. Jahrhundert war über Jahrzehnte verfallen und wurde 2011 zusätzlich durch einen schweren Brand beschädigt. Nach einer umfassenden Sanierung in nur drei Jahren wurde es kürzlich wieder für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Nur wenige Tage vor dem Partnerschaftsfest war ein weiterer wichtiger Teil dieses Kulturzentrums mit Gastronomie – dem neuen Pivovar Jindra und der Restaurace Smetana – sowie Brauereibetrieb fertig geworden: Am 11. September 2026 wurde der neue Multifunktionssaal feierlich eröffnet, seitdem steht er der Öffentlichkeit zur Verfügung.
Bei einer Führung erhielten die Delegationen zunächst Einblicke in die Geschichte und die neue Nutzung der Schlossbrauerei. Anschließend fand dort das gemeinsame Festbankett der Partnerstädte statt. Gerade die Verbindung von historischer Bausubstanz und moderner Architektur macht den besonderen Reiz des sanierten Areals aus. Die jahrhundertealte Brauereigeschichte bleibt sichtbar, zugleich ist ein moderner Ort für Gastronomie, Kultur und Veranstaltungen entstanden. Nach fast 60 Jahren wird in der Schlossbrauerei inzwischen sogar wieder Bier unter dem Namen Jindra gebraut.
Ein kleiner Exkurs: Die Brauerei besitzt auch eine bemerkenswerte Verbindung zur tschechischen Musikgeschichte. František Smetana, der Vater des später weltberühmten Komponisten Bedřich Smetana, pachtete 1831 die Schlossbrauerei für vier Jahre. Die Familie lebte direkt am Brauereiareal, und der damals siebenjährige Bedřich verbrachte hier einen Teil seiner Kindheit. In Jindřichův Hradec besuchte er die Schule und begann bereits damals zu komponieren. An diese Verbindung erinnert heute auch der Name der neuen Restaurace Smetana.
Nun richtet sich der Blick nach dieser gelungenen Jubiläumsfeier gleich wieder nach vorne. Schon kommende Woche wird die Musik- und Kunstschule aus Jindřichův Hradec zum nächsten regulären Austauschsbesuch in Neckargemünd erwartet. Beim Abschlusskonzert der einwöchigen Begegnung zwischen rund 50 Schülerinnen und Schülern beider Musikschulen erwartet die Konzertgäste ein weiteres herausragendes musikalisches und kulturelles Erlebnis im Jubiläumsjahr, wenn die Schülerinnen und Schüler beider Städte mit gemeinsam erarbeiteten und einstudierten Beiträgen ein Abendprogramm gestalten werden. Das Konzert findet am 3. Oktober um 17 Uhr im Martin-Luther-Haus in Neckargemünd statt.

Dilsberg
Mückenloch
Waldhilsbach


